Die „Aktion Hoffnung“, eine kirchliche Hilfsorganisation der Diözese Rottenburg-Stuttgart, kündigt an, ihre rund 30 Kleidercontainer im Landkreis Heidenheim abzuziehen. Als Grund nennt der Verein den Rückzug seines Logistikpartners, der die Erfassung der Textilien Ende August ohne Vorlauf eingestellt habe. ,,Seither sind alle unsere Container im Landkreis überfüllttt, teilt die „Aktion Hoffnung" mit, und bittet die Bevölkerung, dort keine Altkleider mehr abzulegen.
Kein überblick
Wie viele Container für gebrauchte und nicht mehr benötigte Textilien es dann im Landkreis noch gibt, ist unklar. ,,Wir haben keinen Überblick über die Kleidercontainer", sagt Bärbel Hörger vom Kreisabfallwirtschaftsbetrieb. Gewerbliche Sammler oder Vereine und Hilfsorganisationen haben die Textilien bisher gerne angenommen, um sie zu verwerten oder weiterzuverkaufen. Die Standorte müssen direkt bei den Kommunen beantragt werden.
Hinter dem Rückzug der „Aktion Hoffnung" steckt aber mehr als ein Problem mit einem einzelnen Verwertungspartner: ,,Der Markt für Altkleider ist schon vor mehr als einem Jahr zusammengebrochen", erläutert Bärbel Hörger. Die „Aktion Hoffnung" nennt auch Gründe dafür: „Die Qualität der gesammelten Kleidung hat durch den Trend zu ,Fast Fashion' in den vergangenen Jahren kontinuierlich nachgelassen, der Anteil an Fehlwürfen und Restmüll in den Containern ist dagegen unaufhaltsam gestiegen." Eine kostendeckende Sammlung sei deshalb wirtschaftlich schon seit längerer Zeit nicht mehr möglich.
Kleiderkammer und Laden
Ein verlässlicher Partner bei der Entsorgung von Textilien ist im Landkreis aber geblieben: Der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) unterhält an rund 45 Standorten an die 60 Altkleidercontainer. Ein Teil der dort eingeworfenen Kleidungsstücke bleibt auch vor Ort: Im DRK-Zentrum beim Klinikum auf dem Schlossberg gibt es eine Kleiderkammer, die zweimal pro Woche für drei Stunden geöffnet ist. Dort können Bedürftige gegen eine geringe Schutzgebühr gebrauchte Kleidung abholen.
Der zweite Standort, an dem die eingeworfenen Textilien auch sortiert werden, befindet sich in Giengen. In der Marktstraße wird der Second-Hand-Laden „kleiderglück" weitgehend ehrenamtlich betrieben. Was darüber hinaus an Stoffen anfällt, wird vom Ulmer Unternehmen Glaeser, dem Partner des DRK, recycelt, sofern das möglich ist.
Aber auch das DRK kämpft mit der wirtschaftlichen Situation: ,,Ich sehe das aus zwei Perspektiven, ich bin DRK-Geschäftsführer und Kreisrat", sagt Mathias Brodbeck. Er weiß, in welche schwierige Situation es den Landkreis bringen würde, wenn das DRK sein Engagement einstellt. Auf der anderen Seite müsse er auch im Sinne seiner Organisation handeln, die aus der Altkleidersammlung in der Vergangenheit auch Geld für ihre gemeinnützige Arbeit erlösen konnte.
Windeln und Elektroschrott
,,Nur die Hälfte der eingeworfenen Sachen sind brauchbare Textilien", beschreibt Brodbeck die Situation. Einen großen Anteil mache Müll aus, der in die Container eingeworfen werde: ,,Das reicht von der Windel über Essensreste bis zu Elektroschrott", sagt der DRK-Geschäftsführer. Brodbeck will nun Standorte für die DRK-Container in geschützteren Bereichen finden. Besonders problematisch seien nämlich Container, die beispielsweise in Industriegebieten stehen, und die man ohne soziale Kontrolle anfahren könne.
Sollte sich der Druck auf die Abgabestellen des DRK erhöhen, weil sich die “Aktion Hoffnung” zurückgezogen hat, wird es auch für die Organisation vor Ort schwierig. Aktuell pflege man eine gute Zusammenarbeit sowohl mit dem Kreisabfallwirtschaftsbetrieb als auch mit der Firma Glaeser als Verwerter. Wenn dies jedoch aus dem Lot gerate, müsse sich das DRK aus dem Altkleidergeschäft zurückziehen, fürchtet Brodbeck. Die gebrauchte Kleidung für die Kleiderkammer und den Second-Hand-Laden in Giengen könne man auch durch Direktspenden bekommen, schätzt der Geschäftsführer.
Mehr Container
Dr. Sebastian Meier, Leiter des Kreisabfallwirtschaftsbetriebs, plant auf jeden Fall, mehr Container auf den Wertstoffhöfen aufzustellen. Das DRK soll dabei möglichst auch in Zukunft ein wichtiger Partner bleiben. Generell wartet er jedoch auch darauf, dass der “Green Deal” der Europäischen Union in nationales Recht umgesetzt wird. Dann sollen die Hersteller von Textilien auch bei deren Entsorgung in die Pflicht genommen werden. Laut Meier könnte das so ähnlich funktionieren wie beim Verpackungssystem, bei dem Unternehmen, die Verpackungen in den Handel bringen, eine Abgabe für deren Entsorgung bezahlen müssen. “Wir bereiten uns darauf vor”, sagt Meier.
Erhöhter Reinigungsbedarf
Zunächst rechnet er aber mit Mehrkosten für den Kreisabfallwirtschaftsbetrieb, wenn es weniger Container gibt: “Dann werden die Altkleider einfach vor den Containern abgelegt, wenn diese voll sind.” Dadurch entsteht für den landkreiseigenen Betrieb ein erhöhter Reinigungsbedarf und die dann nicht mehr recycelbaren Textilien müssen als Müll entsorgt werden.
Textilien sind kein Restmüll
Seit 2025 gilt die Verpflichtung zur getrennten Sammlung von Textilabfällen nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz. Die Altkleidersammlung ist seither keine Option mehr, sondern eine Verpflichtung, der sich die Entsorgungsträger, also die Landkreise und kreisfreien Städte, stellen müssen. Grundsätzlich sollen künftig sämtliche Textilien, sowohl gut erhaltene und noch tragbare Textilien als auch zerschlissene Bekleidung, getrennt gesammelt werden.
Heidenheimer Zeitung vom 08.10.2026
