· 2026

Helfer vor Ort wehren sich gegen Reduzierung

Üben für den Ernstfall: Jutta Liedl ist seit 2003 Helferin vor Ort in Söhnstetten. Die geplante Änderung bei den Einsätzen hält sie für komplett überflüssig.

Ehrenamt - Die Freiwilligen sollen nicht mehr so oft alarmiert werden, um sie nicht zu überfordern. Der DRK-Kreisverband sieht dafür keine Notwendigkeit.

Das Land plant Änderungen beim Einsatz ehrenamtlicher Ersthelfer und -helferinnen, den sogenannten Helfer-vor-Ort-Gruppen. Laut Mathias Brodbeck, Geschäftsführer des DRK Kreisverbands Heidenheim, gehe es darum, bei welchen Einsätzen des Rettungsdienstes die Helfer vor Ort von den Leitstellen mitalarmiert werden sollen. Im Landkreis Heidenheim, wo schon seit 2003 Helfer-vor-Ort-Gruppen ehrenamtlich ausrücken, werden diese bei jedem Einsatz des Notarztes oder eines Rettungswagens mit Signal ebenfalls alarmiert.

Das baden-württembergische Innenministerium, so erklärt Brodbeck die Intention, fürchte eine Überforderung der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer. Deshalb sollen diese künftig bei bestimmten Einsatzstichworten - beispielsweise bei Unfällen - nicht mehr alarmiert werden. Eine Änderung, die aus Sicht des Heidenheimer Kreisverbands weder sinnvoll noch notwendig ist: ,,Ich kenne keinen einzigen Fall von Überforderung", sagt Brodbeck.

Erste Handgriffe vor Ort

Für die Helfer vor Ort bestehe - im Gegensatz zum Rettungsdienst - kein Zwang, bei einer Alarmierung auch wirklich in den Einsatz zu gehen. Wenn sie es aber tun, kann das für die Verletzten einen entscheidenden Vorteil bringen: ,,Es können schon einmal erste Handgriffe gemacht werden, bevor der Notarzt da ist", erklärt Mathias Brodbeck. Oft vermittle ein Helfer oder eine Helferin, die schnell zur Stelle ist, auch ein Gefühl von Sicherheit und kann beruhigend auf die Anwesenden einwirken.

,,Das ist einfach ein Segen, wenn schnell jemand da ist", sagt DRK-Geschäftsführer Brodbeck. Die Alarmierung erfolge im Landkreis Heidenheim auch nur dann, wenn nicht direkt im Ort ein Rettungswagen stationiert sei, der ohnehin schneller da wäre. ,,Oft sind die Wege auf dem Land etwas länger, und dann haben die Helfer vor Ort einen entscheidenden Zeitvorteil", meint er. Ein Beispiel aus Steinheim zeigt: Der Rettungsdienst aus Heidenheim benötigt rund zehn Minuten, bis er im Notfall vor Ort ist, die Helfer vor Ort können in rund drei Minuten da sein.

Im Landkreis Heidenheim gibt es aktuell 19 Helfer-vor-Ort-Gruppen, die rund 1.800 Einsätze pro Jahr haben. Insgesamt kommt Brodbeck so auf eine Summe von ungefähr 40.000 Notfällen, bei denen im Landkreis seit 2003 ehrenamtliche Ersthelfer ausgerückt sind.

Manchmal lange Rettungszeiten

Eine der Helferinnen vor Ort ist Jutta Liedl aus Söhnstetten. Die 67-Jährige ist schon von Beginn an dabei, und versteht das Vorhaben des Landes überhaupt nicht: ,,Es ist so wichtig, dass schnell jemand vor Ort ist", sagt sie. In Söhnstetten komme der Rettungsdienst manchmal aus Geislingen oder Göppingen. ,,Es dauert dann gefühlt ewig, bis die Rettungskräfte da sind", sagt sie. Gerade bei Unfällen können aber Minuten entscheidend sein: ,,Wenn sich zum Beispiel ein Motorradfahrer das Bein abtrennt, muss man schnell handeln, damit er nicht verblutet", so die erfahrene Ersthelferin.

Sie sieht aber nicht nur die medizinische Seite der Notfalleinsätze, sondern auch die menschliche: "Die Angehörigen sind oft hilflos und sehr erleichtert, wenn schnell jemand kommt, der sich ein bisschen auskennt", erzählt Jutta Liedl. Wenn der Rettungsdienst eintrifft, kümmern sich die Helfer vor Ort oft weiterhin um die Angehörigen, die unter Schock stehen oder einfach Unterstützung benötigen. "Die Menschen sind dafür sehr dankbar", hat die Söhnstetterin schon oft erfahren.

Überforderung kennt sie als freiwillige Helferin nicht: "Wenn ein Alarm kommt, und ich denke, ich schaffe das gerade nicht, muss ich ja nicht ausrücken", sagt sie. Wenn Ersthelfer erkennen, dass sie Notfalleinsätze grundsätzlich nicht verkraften, stehe es ihnen frei, damit aufzuhören. Die einzige Art von Einsätzen, die Jutta Liedl als überflüssig empfindet, sind solche, bei denen die Ersthelfer vor einer verschlossenen Tür stehen - etwa bei Hausnotrufen. "Dann bleibt uns auch nichts anderes übrig, als auf den Rettungsdienst zu warten", erklärt sie. In Söhnstetten seien vier Helfer vor Ort tätig. "Wir sagen alle vier: Eine Reduzierung der Einsätze braucht es nicht", so Jutta Liedl - schließlich wolle man ja helfen.

Den vielen Helfern vor Ort im Landkreis Heidenheim bleibt vorerst nur, abzuwarten, was in Stuttgart entschieden wird. In die Diskussion mit dem Innenministerium will sich der Kreisverband Heidenheim nicht einmischen, dafür seien die Landesverbände zuständig. Die Haltung von DRK-Kreisgeschäftsführer Mathias Brodbeck zur geplanten Änderung ist aber ganz klar: "Es gibt nichts Wertvolleres als die Helfer-vor-Ort-Systeme", sagt er. Diese funktionierenden Abläufe jetzt zu stören, sei fatal und aus Sicht der Ehrenamtlichen absolut nicht notwendig.

Heidenheimer Zeitung vom 11.04.2026